Die Meinung vom Experten


 

Den Umgang mit Kunststoffen überdenken

 

Raymond Schelker, 2012

Vieles spricht für eine separate Sammlung und das stoffliche Recycling von Kunststoffen. Neue Technologien ermöglichen eine effiziente Sortierung, und verschiedene Studien belegen den ökologischen Gewinn durch das Recycling. Dennoch ist Vorsicht geboten, denn bis heute fehlt in der Schweiz eine Gesamtschau der Verwertungspotenziale kombiniert mit einer umfassenden und aussagekräftigen Kosten-Nutzen-Analyse.

 

Die Entwicklung des Haushaltsabfalls hat in der Schweiz von ca. 130 kg je Einwohner im Jahr 1932 auf heute ca. 360 kg stark zugenommen. Ebenfalls massiv zugenommen hat seit den 1960er Jahren der Kunststoff-Verbrauch, und zwar um den Faktor 5! Ungefähr 15% des Müllsack-Inhalts aus den Haushalten sind Kunststoffe. Wertstoffe also, die aus Erdöl hergestellt werden und in den Kehrichtverbrennungsanlagen (KVA) vernichtet werden.
So landen heute jährlich hunderttausende Tonnen Kunststoffe im Abfall und werden in den Schweizer KVAs beseitigt. Lediglich rund ein Zehntel wird rezykliert. Der Unmut in der Bevölkerung darüber steigt. Das zeigen nicht zuletzt die zahlreichen Diskussionen und Vorstösse auf politischer Ebene, die von höheren Verwertungsquoten bis zu Plastiksackverboten reichen.
Der Kunststoffeinsatz steigt in verschiedensten Branchen und verdrängt zusehends Werkstoffe wie Holz, Metall oder Glas. Das führt unweigerlich auch zu steigenden Abfallmengen. Mit dem Recycling von Kunststoffen können pro Kilogramm rund 2,5 Kilogramm CO2 eingespart werden. Es stellt sich deshalb auch aus klimapolitischer Sicht die berechtigte Frage, für welche Kunststoffe ein zweites Leben durch eine stoffliche Verwertung sinnvoll wäre

Verwertungsmöglichkeiten

Kunststoffe sind aus nicht erneuerbaren Ressourcen (Erdöl) hergestellt und sind somit endliche fossile Energieträger. Damit stehen sie mitten im Zentrum aktueller Diskussionen rund um die Bedrohung unseres Weltklimas, welches durch den fortschreitenden Verbrauch an fossilen Energiequellen bedroht wird. Obwohl nur ein geringer Teil des weltweit geförderten Erdöls in die Produktion von Kunststoffen fliesst (ca. 5-7%), ist es unsere Pflicht, dass wir uns um die werkstoffliche Erhaltung des Produktes (d.h. die Verlängerung seiner Lebensdauer) und um eine optimale Nutzung des im Kunststoff enthaltenen Energiewertes kümmern. Für die als Abfall anfallenden Kunststoffe kennen wir heute in der Schweiz grundsätzlich drei verschiedene Möglichkeiten der Verwertung:

1.    das stoffliche, bzw. mechanische Recycling
2.    das rohstoffliche Recycling (neu)
3.    die Verbrennung in einem Zementwerk (als Ersatzbrennstoff)

Kunststoffabfälle aus Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft eignen sich besonders für das stoffliche Recycling, da sie einerseits häufig in sortenreiner Qualität und kaum verschmutzt und andererseits oft in grösseren Mengen anfallen. Entscheidende Voraussetzungen beim stofflichen Recycling sind, dass sowohl eine effiziente Sammellogistik und Aufbereitung aufgebaut und genutzt wird als auch ein Markt für den gewonnenen Sekundärrohstoff existiert (wenn möglich in der Schweiz).
Liegen die Kunststoffabfälle jedoch in einer nicht mehr aufzutrennenden Mischung vor, so drängt sich die rohstoffliche oder thermische Verwertung auf. Bei der Verbrennung in der KVA kann nur ein Teil der Energie des Kunststoffs zurück gewonnen werden. Bei der Verbrennung in einem Zementwerk wird der entsprechende Energieinhalt voll genutzt und die Kunststoffe können so als Ersatz fossiler Brennstoffe (z.B. Kohle aus Südafrika) eingesetzt werden.
Auf kommunaler Ebene werden zurzeit verschiedene Sammlungsstrategien für unterschiedliche Kunststoff-Fraktionen aus Haushaltungen getestet und eingeführt. Solche Versuche liefern wertvolle Erfahrungen, die es zu nutzen gilt. Doch es besteht auch die Gefahr eines unkoordinierten Sammelwildwuchses mit entsprechender Unklarheit für die Bevölkerung.

Mehr Koordination anstatt verzettelter und verwirrender Aktionismus

Die separate Sammlung von Kunststoffen hat gegenüber der Verbrennung in der KVA grundsätzlich Vorteile: Das Material kann ein zweites Mal genutzt werden, die graue Energie bleibt erhalten und die CO2-Emissionen werden reduziert. Viele Marktteilnehmer besitzen ein spezialisiertes Teilwissen. Dieses verstreute Wissen muss zusammengeführt und gebündelt werden, indem sich sämtliche Partner der Wertschöpfungskette – Produktdesigner, Produzenten, Logistiker, Entsorger, Recycler und Ökonomen – an einen Tisch setzen. Zum Beispiel kann der Produktdesigner bereits mit der Auswahl von geeigneten, rezyklierbaren Stoffen dafür sorgen, dass sich der Lebenszyklus eines Produktes von der Rohstoffgewinnung bis zur Entsorgung resp. zum Recycling möglichst wenig umweltschädlich auswirkt, und das Produkt das entsprechende Recyclingsystem auch nicht stört. Können die Kunststoffabfälle nicht rezykliert werden, dann ist die thermische Verwertung in einem Zementwerk (Kunststoffabfälle als Brennstoffersatz) der Verbrennung in einer KVA vorzuziehen, da Zementwerke einen viel höheren Wirkungsgrad aufweisen.
Handlungsbedarf besteht auch bei der Koordination der verschiedenen Sammelsysteme einschliesslich der Transporte. Bei einer flächendeckenden Kunststoffsammlung in der ganzen Schweiz würden grössere Mengen zusammen kommen, die einfacher zu bearbeiten wären. Zudem könnte die Kommunikation merklich vereinfacht und die Kosten verringert werden. Zu prüfen sind auch neuartige Sammelsysteme, die auf Produktegruppen (zum Beispiel Hohlkörper) statt nur auf einer bestimmten Kunststoffart basieren. Die Eingrenzung auf Produktegruppen ist sinnvoll, weil diese für die sammelnde Bevölkerung einfacher zu erkennen sind.

Wie kann bzw. muss es für die Schweiz weiter gehen?

Separatsammlungen haben in der Schweiz gemäss Technischer Verordnung über Abfälle (TVA) verschiedene Kriterien zu erfüllen. Sie müssen technisch möglich, wirtschaftlich tragbar und gewinnbringend für die Umwelt sein. Diese Kriterien haben sich bei den bestehenden Separatsammlungen bewährt. Doch wie steht es damit im Kontext der Kunststoffe?
- Ökologischer Gewinn: Wie stark die Umweltbelastung durch die Verwertung gesenkt werden kann, hängt wesentlich von der gewählten Sammelfraktion ab. Je grösser und sortenreiner die Sammelfraktion ist, desto höher ist der ökologische Gewinn. Das zeigen die Erfahrungen mit dem etablierten Recycling von PET-Getränkeflaschen, aber auch von mengenmässig relevanten und sortenreinen Kunststoffabfällen aus Gewerbe und Industrie. Verschiedene Studien im In- und Ausland belegen zudem im Grundsatz die tiefere Umweltbelastung eines stofflichen Kunststoffrecyclings gegenüber der Verbrennung in KVA.
- Wirtschaftliche Tragbarkeit: Ein selektives Sammelsystem für Kunststoffe dürfte sich in einem ähnlichen Kostenumfeld wie die Separatsammlungen von PET, Glas oder Aluminium bewegen. Deshalb kann davon ausgegangen werden, dass es wie diese wirtschaftlich tragbar wäre – vorausgesetzt, das Sammelsystem funktioniert flächendeckend und mit einer optimierten Logistik. Nur so wird es gelingen, die Mengen zu erreichen, die für einen wirtschaftlichen Betrieb von Sortier- und Aufbereitungsanlagen nötig sind.
- Technische Machbarkeit: Eine wirtschaftliche stoffliche Verwertung ist auf sortenreines Sammelgut angewiesen. Gemischt gesammelte Kunststoffe müssen dementsprechend zuverlässig sortiert werden können. Bis vor wenigen Jahren war das nur mit grossem Aufwand und hohen Kosten möglich. In diesem Bereich hat sich in den letzten Jahren vor allem im Ausland enorm viel entwickelt. So können beispielsweise zahlreiche Kunststoffe mit Nah-Infrarot-Technologie mit hoher Reinheit und effizient sortiert werden. Dieses Material ist auch für Sekundärmärkte interessant.

International steigen die Recyclingquoten bei den Kunststoffen wie auch die Vorgaben dazu. So hat sich die EU für 2020 das Ziel gesetzt, die Hälfte der Verpackungen aus Haushaltungen zu rezyklieren. Es ist also Zeit, die bestehenden Entsorgungswege auch in der Schweiz kritisch zu hinterfragen und diese wo sinnvoll und nötig an die geänderten Rahmenbedingungen anzupassen. Dazu braucht es eine umfassende Dokumentation und Beurteilung der bestehenden Sammelsysteme, eine Gesamtschau mit ökonomischer, ökologischer und gesellschaftlicher Bewertung der Verwertungspotenziale und ein koordiniertes Vorgehen aller Anspruchsgruppen.

Weitere wichtige Faktoren

  • Die Bevölkerung muss die separate Sammlung akzeptieren. Dazu will sie wissen, weshalb sie Kunststoffe sammeln soll und was mit diesen passiert. Eine wichtige Rolle für die Akzeptanz spielen auch die Rückgabeorte: Hier sollten Synergien mit bestehenden Sammlungen genutzt werden.
  • Die heutigen Preise für die Sammelware finanzieren ein flächendeckendes Sammelsystem nicht. Es braucht verursachergerechte vorgezogene Beiträge nach dem Beispiel des PET-Sammelsystems, damit ein konstantes Sammeln – unabhängig von Marktpreisen – garantiert werden kann.
  • Und letztlich sind vorhandene Sekundärmärkte zu nutzen und neue aufzubauen, damit die Sammelware möglichst nahe beim Verbrauch rezykliert und wieder eingesetzt werden kann.

Zahlen und Fakten zu Kunststoffen in der Schweiz

  • Pro Kopf und Jahr werden rund 120 kg Kunststoff verbraucht. Weltweit liegt dieser Verbrauch bei rund 35 kg.
  • Der Kunststoffverbrauch wächst mit jährlich rund 3 Prozent im Vergleich mit dem Bruttosozialprodukt überdurchschnittlich stark.
  • Am meisten Kunststoff verbrauchen in der Schweiz und weltweit die Branchen Verpackung (rund 35 Prozent), gefolgt von Bau und Fahrzeugen.
  • Rund zwei Drittel der Kunststoffverpackungen stammen aus Haushaltungen, der Rest aus Industrie und Gewerbe.
  • Der meistgebrauchte Kunststoff ist Polyethylen (PE) mit einem Anteil von rund einem Viertel.
  • Rund 40 Prozent der eingesetzten Kunststoffe werden innerhalb eines Jahres entsorgt (Hauptanteil Verpackungen).
  • Die durchschnittliche Lebensdauer von Kunststoff beträgt rund 12 Jahre. Grund dafür ist vor allem die hohe Verweildauer von Kunststoffen im Bau.
  • Die Menge an Kunststoffen, die in Gütern, Geräten, Fahrzeugen und Bauten in Gebrauch ist, umfasst rund 10 Millionen Tonnen.
  • Stoffliches Kunststoff-Recycling spart pro Kilogramm rund 2,5 Kilogramm CO2 ein.
  • Die Kunststoffproduktion verursacht weltweit rund 7 Prozent des Ölverbrauchs (Tendenz steigend).

Raymond Schelker, Chemiker und Umweltingenieur, arbeitete bis zur Gründung seiner eigenen Umweltberatung als Umweltschutzbeauftragter am Universitätsspital Basel. Seit 2011 ist er alleiniger Gesellschafter der REDILO GmbH (gegründet 2002), mit Sitz in Basel, die sich für die Fragen des Kunststoffrecyclings spezialisiert hat und im Bereich Aufbau, Optimierung und Betreiben von Recycling-Systemen tätig ist. Zusätzlich engagiert sich Raymond Schelker in der ISWA-CH (International Solid Waste Association) und im Forum „Abfallverminderung und Recycling“.

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