Die Meinung vom Experten


Biokunststoff gibt es nicht


Jean-Claude Würmli, PET-Recycling Schweiz, 2012

Unter dem Begriff «Biokunststoff» lässt sich eine Vielzahl unterschiedlicher Kunststoffe zusammenfassen. Allen Biokunststoffen ist gemein, dass sie teilweise oder ganz aus nachwachsenden (pflanzlichen) Rohstoffen bestehen. Der Begriff sagt also längst nichts aus über die biologische Abbau- und Kompostierbarkeit, die meist nur unter kontrollierten Bedingungen möglich ist. Erschwerend kommt hinzu, dass es auch Biokunststoffe gibt, die zwar biologisch abbaubar sind, aber von fossilen Rohstoffen stammen.

Der Trend zur Öko-Flasche

Öko liegt im Trend, Bio noch viel länger und beides verspricht grosse Geschäfte. Der Markt wächst, und damit wachsen alle Risiken und Nebenwirkungen. Der Bio-Schriftzug und Motive, die Öko-Qualität suggerieren, zieren viele Produkte, und laufend gibt es neue Bezeichnungen dafür.
Die PET-Recycling Schweiz beschäftigt sich primär mit der Sammlung und Verwertung von Kunststoff-Flaschen, PET-Getränkeflaschen, um präzise zu sein. In eben diesem Markt ist vieles in Bewegung und es geht um viel. Und noch viel entscheidender: Vieles, das uns heute wichtig ist, steht auf dem Spiel.
Zu den zwei wichtigsten neuen Biokunststoffen für die Herstellung von Getränkeflaschen gehören PLA (Polylactide/Polymilchsäure) und «BioMEG».

PLA-Flaschen führen zu Problemen im PET-Recyclingkreislauf
PLA wird aus pflanzlichen Stoffen wie Mais hergestellt. Die notwendigen Umweltbedingungen für dessen Kompostierbarkeit sind in der Regel nur in industriellen Kompostieranlagen vorhanden. Ein Kompostiervorgang dauert in der Schweiz maximal vier Wochen. Getränkeflaschen aus PLA benötigen jedoch für die Kompostierung mindestens die dreifache Zeit. Aus diesem Grund können sie nicht über die offizielle Grüngutschiene kompostiert werden. Zudem bestehen die Flaschendeckel nach wie vor aus nicht abbaubarem PE. Für die Entsorgung im PET-Sammelbehälter eignen sich die PLA-Flaschen ebenfalls nicht, weil der Schmelzpunkt von PLA bei ca. 150 Grad Celsius liegt und somit deutlich unter demjenigen von PET (ca. 250 Grad Celsius). Das führt im PET-Recyclingkreislauf zu grossen Problemen. Einem Test zufolge reichen bereits 0,1% PLA im PET-Recyclingprozess, um das PET-Rezyklat unbrauchbar zu machen. PLA-Flaschen gehören deswegen weder in den PET-Sammelbehälter noch in den Kompost, sondern in den normalen Abfall.

Die neue PET-Flasche mit verbesserter CO2-Bilanz
«BioMEG» ist biologisches MEG (Monoethylenglykol). PET besteht zu 30% aus eben diesem MEG und zu 70% aus Terephtalsäure (TPS). Die BioMEG-Flasche ist somit eine reine PET-Flasche – mit dem Unterschied, dass der eine Teil nicht aus erdölbasierten Rohstoffen stammt, sondern pflanzlichen Ursprungs ist. Genau genommen aus Zuckerrohrsaft bzw. Melasse (Nebenprodukt bei der Zuckerproduktion). Diese Flaschen sind genauso leicht, stabil und rezyklierbar wie eine herkömmliche PET-Getränkeflasche. Im Gegensatz zu PET besteht diese Kunststoffart allerdings nicht komplett aus Erdöl oder Erdgas. Die in der Schweiz bereits erhältlichen Flaschen bestehen zu 20% aus pflanzlichem Rohstoff, zu 25% aus recyceltem (r-PET) und zu 55% aus konventionellem Neu-PET. Damit wurde die CO2-Bilanz der Flasche um rund 30% gesenkt. Noch besser ist aber, dass sie 100% recycelbar bleibt. Im Vergleich zu der Entsorgung im Müllsack bringt das Recycling der PET-Flaschen zusätzlich eine Reduktion der gesamten Umweltauswirkungen um mehr als 50%.

Biokunststoffe sind nicht immer umweltfreundlicher
Was PLA wie BioMEG somit gemein haben ist, dass sie sich nicht von selbst auflösen, weder im eigenen Komposthaufen noch in der freien Natur. Worin liegt denn nun der Vorteil von Biokunststoff? Die in Biokunststoffen verwendeten nachwachsenden Rohstoffe entziehen der Atmosphäre Kohlenstoff in Form von CO2. Biokunststoffe ermöglichen so kohlenstoffärmere Produkte. Allerdings muss angemerkt werden, dass CO2 nur einen Teil einer umfassenden Ökobilanzierung darstellt. Biobasierte Kunststoffe deshalb grundsätzlich als umweltfreundlicher zu bezeichnen, wäre nicht richtig.

Die Branche setzt auf Bio
Die Nummer eins im Softdrinkgeschäft hat in verschiedenen Ländern bereits eine «BioPET»-Flasche mit einem eigenen Namen lanciert. Ihr grosser Konkurrent im Wassergeschäft hat ebenfalls eine mit eigenem Namen in der Schweiz in den Regalen. Wenn sich diese Grössen bewegen, steht die Konkurrenz nicht still. So hat die Nummer zwei im Softdrink-Markt die Entwicklung der ersten PET-Flasche aus 100 Prozent nachwachsenden Rohstoffen angekündigt. Zu einem späteren Zeitpunkt sollen Orangen- oder Kartoffelschalen in die Flaschenproduktion integriert werden – Stoffe also, die bei der Lebensmittelproduktion als Nebenprodukte anfallen. Noch ist der Name nicht bekannt, fest steht aber, dass auch sie ihre Flasche unter eigenem Namen lancieren wird.

Klare Kennzeichnung nötig
Die Unterscheidung der einzelnen Produkte mit blossem Auge ist nicht möglich. Um ein Durcheinander und Schlimmeres abzuwenden, muss für die Konsumierenden absolut klar ersichtlich sein, um was für eine Flasche es sich handelt und was die „end-of-life-options» sind, d.h. was damit gemacht werden kann. Anderenfalls besteht die reelle Möglichkeit, dass die heutigen Recyclingsysteme so nicht mehr funktionieren werden. Darum müssen PLA-Flaschen auf dem Etikett als solche erkennbar gemacht und (derzeit) mit dem Abfallsignet versehen werden, weil sie in der Schweiz nicht recycelt werden können. PET – auch solches auf teils pflanzlicher Basis – bleibt PET. Entsprechend muss es bezeichnet und mit dem offiziellen Recyclingsignet markiert werden.

Jean-Claude Wuermli, Mitglied der Geschäftsleitung Verein PRS PET-Recycling Schweiz, Zürich
Jean-Claude Würmli ist Mitglied verschiedener nationaler und internationaler Fachgremien in Sachfragen zur Gesetzgebung der Kreislaufwirtschaft, zu Recycling und recyclingfähigem Produktdesign von Kunststoffen, insbesondere für PET-Getränkeflaschen. Er ist Mit-Initiant der nationalen Anti-Littering-Initiative IGSU – der Interessengemeinschaft für eine saubere Umwelt.

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